Erweckt in der Leere
Bevor es Götter gibt, oder Riesen, oder eine Welt, auf der beide stehen könnten, gibt es nur Ginnungagap, die gähnende Kluft zwischen zwei Extremen. Niflheims Kälte und Nebel liegen auf der einen Seite; eine entgegenkommende Hitze drängt von der anderen heran. Wo beide sich treffen, beginnt der Reif zu schmelzen und zu tropfen, und aus den fallenden Tropfen — erwärmt von eben jener Hitze, die sie zum Fallen bringt — regt sich Leben und nimmt die Gestalt eines Mannes an. Dieser Mann ist Ymir, das erste aller Wesen, älter als die Götter, die ihn dereinst töten werden, und älter als das Geschlecht der Riesen, das seinem eigenen Leib entspringen wird. Er tut nichts, um ins Dasein zu gelangen; er entsteht einfach, so wie über Nacht Reif entsteht, und der Rest seines kurzen Daseins behält denselben Charakter. Selbst seine Nahrung wird ihm gegeben, nicht erworben: derselbe schmelzende Reif leckt sich selbst zur Gestalt einer Kuh, Auðumla, und vier Ströme Milch fließen aus ihrem Euter, um den Riesen zu nähren, neben dem sie selbst gewissermaßen erst entstanden ist.
Riesen, die niemand wollte
Ymir ist einzelgängerisch und doch endlos zeugungskräftig, und dies wird als bloße Physiologie dargestellt, nicht als eine Tat seinerseits. Während er schläft, sammelt sich Schweiß unter einem Arm, und aus ihm wachsen ein Sohn und eine Tochter — das erste Paar der jötnar, der Reifriesen. Eines seiner eigenen Beine zeugt, ganz ohne Partnerin, einen Sohn mit dem anderen. Nichts davon ist gewollt, und nichts davon wird auch nur von dem miterlebt, dem es widerfährt; Ymir verschläft den Anfang eines ganzen Volkes. Es ist diese Szene, mehr als jede einzelne Tat, die ihn zur Wurzel der Riesen macht, die fortan den übrigen nordischen Mythos bevölkern — als Plünderer, Rivalen und Verschwägerte der Asen selbst.
Erschlagen von den Söhnen Borrs
Bestla, die Riesin, die Odin, Vili und Vé ihrem Gatten Borr gebären wird, ist selbst von riesischer Abkunft — verwandt, wenn auch in einiger Entfernung, mit eben jenem aus Schweiß geborenen Paar, das Ymir ohne Absicht hervorbrachte. Es ist diese Generation, die sich schließlich gegen ihn wendet. Snorri widmet der Tötung selbst nur einen einzigen Satz und überlässt es dem, was folgt, ihr Ausmaß zu bemessen: wo Ymir fällt, strömt aus seinen Wunden so viel Blut, dass es ausreicht, das gesamte ihm entsprungene Geschlecht der Reifriesen zu ertränken. Die Söhne Borrs belassen es nicht beim Töten. Sie schleifen den Leib in die Mitte von Ginnungagap und machen sich daran, aus ihm eine Welt zu bauen — was die einzige Passage dieses Eintrags ist, die tatsächlich zitiert und nicht bloß nacherzählt wird.
Die Welt, erbaut aus seinem Leichnam
Das Grímnismál erreicht seine Kosmogonie in einer einzigen Strophe, Teil von Odins eigener Übersicht über die neun Welten, die Ymir unverhohlen nennt und seinen Leib der Reihe nach durchgeht — Fleisch, Blut, Knochen, Haar, Schädel.
Ór Ymis holdi var jörð of sköpuð, en ór sveita sær, björg ór beinum, baðmr ór hári, en ór hausi himinn.
“Aus Ymirs Fleisch ward die Erde geschaffen, und das Meer aus seinem Blut; aus seinen Knochen die Hügel, aus seinem Haar die Bäume, aus seinem Schädel der hohe Himmel.” — Grímnismál 40, übers. Bellows
Snorri zitiert eben diese Strophe innerhalb seiner eigenen Prosaerzählung vom Bau der Welt, und dort gibt der Übersetzer dasselbe mehrdeutige Wort, sveiti, nicht mit Blut, sondern mit Schweiß für das Meer wieder — ein Unterschied zwischen den beiden englischen Fassungen, keine Uneinigkeit im Altnordischen, da das Wort beide Bedeutungen trägt. Worin beide übereinstimmen, Satzglied für Satzglied, ist die Methode: nichts an Ymir wird beiseitegeräumt, um Platz für eine Welt zu schaffen. Die Söhne Borrs verwandeln den Leib selbst in die Welt, Teil für Teil — Fleisch zu Erde, Knochen zu Hügeln, Haar zu Wald, Schädel zu Himmel — ohne Rest. Der chinesische Mythos erreicht dieselbe Form auf einem gänzlich anderen Weg: Pangus Leichnam wird in beinahe derselben Reihenfolge zur Landschaft behauen, Fleisch zu Erde und Blut zu Flüssen, Knochen zu Bergen, Haar zu Bäumen. Ymir liefert seine Welt genau so, wie er alles andere in seinem kurzen Dasein geliefert hat — ohne es je zu wollen, einzig dadurch, dass er auseinandergenommen wird.