Angrboda kommt in der Prosa-Edda genau einen Satz lang vor, und das genügt, um sie zur Mutter des Weltendes zu machen. Snorri hat eben Lokis Hausstand mit seiner Frau Sigyn aufgezählt, als er hinzufügt, dass es noch weitere Kinder gab.
Enn átti Loki fleiri börn. Angrboða hét gýgr í Jötunheimum. Við henni gat Loki þrjú börn. Eitt var Fenrisúlfr, annat Jörmungandr, þat er Miðgarðsormr, þriðja er Hel
„Noch mehr Kinder hatte Loki. Angrboda hieß eine gewisse Riesin in Jötunheim, mit der Loki drei Kinder zeugte: eines war der Fenriswolf, das zweite Jörmungandr — das ist die Midgardschlange —, das dritte ist Hel.” — Snorri Sturluson, Gylfaginning 34; engl. Übers. Brodeur
Ihr Name liest sich als „Kummerbringerin” oder „die Leid darbietet”, und Snorris Wort für sie ist gýgr, Unholdin oder Trollweib, nicht Göttin. Die drei Kinder wachsen in Jötunheim auf, bis die Götter von ihnen erfahren und den Weissagungen nachgehen, die an ihnen hängen. Was die Asen daraus schließen, ist bei Snorri, dass von allen dreien großes Unheil zu erwarten sei, „zuerst von der Mutter her und noch schlimmer vom Vater her”. Odin lässt sie holen. Die Schlange wirft er in das Meer, das die Welt umgibt, Hel schickt er hinab nach Niflheim und gibt ihr Gewalt über die Toten, und den Wolf behält er daheim, bis er zu gefährlich wird, um ihn zu behalten.
Das ist ihre gesamte bezeugte Lebensgeschichte — sie tut nichts weiter, und die Quellen holen sie nie wieder auf die Bühne. Von einer Riesin, der Alten im Jarnvid, dem Eisenwald östlich von Midgard, heißt es in der Völuspá, sie ziehe dort die Brut Fenrirs auf, und spätestens seit dem 19. Jahrhundert wollen Leser darin Angrboda sehen; das Gedicht sagt es nicht. Fast alles andere, was über sie erzählt wird, einschließlich der ausgemalten Liebesromane der jüngeren Belletristik, ist spätere Erfindung, die auf jenen zwei Zeilen Snorris ruht.