Raijin, der Gott des Donners und der Blitze, ist weniger eine unmittelbar aus dem Kojiki oder Nihon Shoki stammende Gestalt als vielmehr eine volkstümlich und buddhistisch geprägte Figur, die sich um die älteren, in jenen Chroniken tatsächlich genannten Donnergottheiten herum entwickelte. Als Izanami stirbt und in Yomi verwest, beschreibt das Nihon Shoki, wie sich acht Donnergötter, die Yakusa no Ikazuchi, an verschiedenen Teilen ihres Leichnams bilden:
所謂八雷者,在首曰大雷,在胸曰火雷,在腹曰土雷,在背曰稚雷,在尻曰黑雷,在手曰山雷,在足上曰野雷,在陰上曰裂雷
“Von den sogenannten Acht Donnern ward jener auf ihrem Haupte der Große Donner genannt; jener auf ihrer Brust der Feuer-Donner; jener auf ihrem Bauche der Erd-Donner; jener auf ihrem Rücken der Junge Donner; jener auf ihrem Gesäß der Schwarze Donner; jener auf ihrer Hand der Berg-Donner; jener auf ihrem Fuße der Moor-Donner; und jener an ihrer Scham der Spalt-Donner.” — Nihon Shoki, Buch I; deutsche Fassung nach der englischen Übersetzung von W. G. Aston (Nihongi, 1896)
Aus diesen verstreuten, ungebärdigen Ikazuchi formte die spätere Shintō- und volksbuddhistische Tradition eine einzige, plastische Gestalt: einen rot- oder blauhäutigen, klauenbewehrten, gehörnten Oni, umringt von einem Kranz aus Trommeln, die er schlägt, um Donner zu erzeugen, und dem der Volksglaube nachsagt, er stehle Nabel und verschlinge Kinder, die es versäumen, während eines Gewitters ihren Bauch zu bedecken. Regelmäßig wird er mit Fūjin, dem Windgott, gepaart, als Wächterfiguren, die Tempeltore flankieren — am berühmtesten am Kaminarimon, dem „Donnertor”, des Sensō-ji in Asakusa, sowie in Tawaraya Sōtatsus gefeiertem Wandschirmgemälde Fūjin Raijin-zu. Bauern begrüßten seine Stürme seit jeher als Bringer des Regens für die Reisernte und verknüpften so selbst seine gefürchtetste Seite mit Fruchtbarkeit und Ernte.