Amaterasu-Ōmikami, die Himmel-erleuchtende Große Erhabene Gottheit, entsteht, als ihr Vater Izanagi während der Reinigung nach seiner Flucht aus dem Land der Toten sein linkes Auge wäscht. Sie erhebt sich zur Herrscherin über Takamagahara, die Ebene des Hohen Himmels, und wird zur Stammmutter der kaiserlichen Linie Japans — jeder regierende Kaiser führt seine Abstammung über ihren Enkel Ninigi zurück, der zur Erde herabgesandt wurde und ihren heiligen Spiegel als Zeichen der Herrschaft mit sich trug.
Ihr berühmtester Mythos ist eher ein Rückzug als ein Triumph. Provoziert durch die zerstörerischen Streiche ihres Bruders Susanoo, der ihre Reisfelddämme einreißt und ein gehäutetes Pferd in ihre Webhalle schleudert, zieht sie sich in die Himmlische Felsenhöhle zurück und verschließt den Eingang, wodurch der Kosmos in Dunkelheit versinkt:
由此發慍。乃入于天石窟。閉磐戶而幽居焉。故六合之內常闇而不知晝夜之相代
“Alsbald betrat sie die Felsenhöhle des Himmels, und nachdem sie die Felsentür verriegelt hatte, weilte sie fortan in Abgeschiedenheit. Daher herrschte allerorten beständige Finsternis, und der Wechsel von Nacht und Tag war unbekannt.” — Nihon Shoki, Buch I; deutsche Fassung nach der englischen Übersetzung von W. G. Aston (Nihongi, 1896)
Achthundert Myriaden Götter versammeln sich vor ihrer Tür, und der Tanz der Ame-no-Uzume, zusammen mit dem Krähen langgesangener Vögel, lockt sie mit Hilfe eines Spiegels heraus und stellt so das Licht der Welt wieder her. Jener Spiegel, Yata-no-Kagami, wird heute im Inneren Schrein des Großen Schreins von Ise verehrt, der in einem ununterbrochenen Ritus alle zwanzig Jahre neu errichtet wird, und zählt zu den Drei Heiligen Schätzen der kaiserlichen Insignien. Ise zieht jährlich Millionen von Pilgern an, was Amaterasu zu einer der am aktivsten verehrten Gottheiten der Welt macht.