Ra ist die Sonne selbst und der erste König Ägyptens, ein selbstentstandener Gott, der aus den Urgewässern des Nun emporstieg und den Rest der Schöpfung ins Dasein sprach. Bei Tag durchquert er den Himmel in seiner Sonnenbarke und altert dabei im Lauf des Tages wie ein ganzes Leben im Kleinen — als Skarabäus-Kind Chepri im Morgengrauen, als falkenköpfiger Ra am Mittag, als widderköpfiger Atum in der Dämmerung. Bei Nacht durchsegelt er die zwölf Stunden der Duat, der Unterwelt, wo die Schlange Apophis darauf lauert, ihn zu verschlingen, und erst wenn diese nächtliche Schlacht gewonnen ist, kehrt die Morgenröte zurück.
Vom Neuen Reich an wird Ra nur noch selten allein verehrt; er wird in andere Götter eingebunden, statt von ihnen ersetzt zu werden. Als Amun-Ra wird er zur verborgenen Macht, die als Licht sichtbar wird — eine Verschmelzung so vollständig, dass griechische Besucher Amun später mit ihrem eigenen Zeus gleichsetzten. Als Ra-Horachte verschmilzt er mit dem Falkengott Horus, sodass Königtum und Sonnenaufgang ein und dasselbe Amt teilen. Die Ägypter sahen darin keinen Widerspruch: Die Namen eines Gottes, so verstand man es, vervielfachen sich, statt miteinander zu konkurrieren. Jeder Pharao herrscht als sein lebender Sohn, und der tägliche Tod und die Wiedergeburt der Sonne werden zu dem Muster, das die gesamte ägyptische Religion nachzuahmen sucht.
„Verehrung sei dir, o Ra, wenn du aufgehst, [und dir], o Temu, in deinen Aufgängen der Schönheit. Du gehst auf, du gehst auf, du erstrahlst, du erstrahlst, beim Anbruch des Tages. Du wirst zum König der Götter gekrönt.” — Totenbuch: thebanische Rezension (1901), Papyrus des Qenna, übers. E. A. Wallis Budge