Persephone ist die Tochter des Zeus und der Demeter, und ihr Raub wird im Homerischen Demeterhymnos ausführlich erzählt. Sie pflückt mit den Töchtern des Okeanos Blumen auf einer weichen Wiese, als die Erde auf Zeus’ Betreiben eine Narzisse von außerordentlicher Schönheit als Falle wachsen lässt; sie greift danach, der Boden öffnet sich, und Hades fährt mit seinen unsterblichen Rossen herauf und nimmt sie mit hinab. Die Mutter hört den Schrei, sucht neun Tage lang mit Fackeln und entzieht der Welt schließlich ihre Gabe, bis das Korn nicht mehr aufgeht — was Zeus zum Verhandeln zwingt.
Die Verhandlung wird durch eine Formalie des Unterweltsrechts zunichtegemacht. Hermes wird geschickt, sie zurückzuholen, Hades willigt ein — und tut dann noch eines.
ἔμβαλέ μοι ῥοιῆς κόκκον, μελιηδέ’ ἐδωδήν, ἄκουσαν δὲ βίῃ με προσηνάγκασσε πάσασθαι
„doch heimlich legte er mir eine süße Speise in den Mund, einen Granatapfelkern, und zwang mich, wider Willen davon zu kosten.” — Homerischer Demeterhymnos 411–413; engl. Übers. Evelyn-White
Da sie im Haus der Toten gegessen hat, gehört sie ihm. Der Vergleich teilt ihr Jahr: ein Drittel unten beim Gatten, den Rest oben bei der Mutter — und Demeter lässt die Erde wieder tragen, solange die Tochter bei ihr ist. Die Griechen lasen darin das Verschwinden und Wiederkommen des Getreides, doch der Hymnos achtet darauf, dass der Handel keine Metapher ist: Es ist ein Eheverträge, durchgesetzt durch das, was sie geschluckt hat.
Bemerkenswert ist, wie vollständig sie die zweite Rolle annimmt. In der Odyssee und bei den Tragikern ist sie keine Gefangene, sondern die furchtbare Persephone, eine Königin mit eigener Vollmacht: Sie ist es, die Orpheus überzeugen muss, sie gewährt Sisyphos die Rückkehr, sie schickt Odysseus die Schatten herauf. Oft vermieden die Griechen ihren Namen ganz und nannten sie schlicht Kore, „das Mädchen”, oder Despoina, „die Herrin” — dieselbe Göttin an den beiden Enden derselben Geschichte.