Bewaffnet für das Blut ihres Vaters
Als Skaði in ihrer eigenen Geschichte auftritt, ist ihr Vater bereits tot. Þjazi, der Riese, hatte Loki in Adlergestalt bis nach Hause verfolgt; seine Federn fangen mitten im Flug Feuer, und die Asen erschlagen ihn innerhalb ihrer eigenen Tore — ein Totschlag, sagt Snorri, der für sich schon berühmt wird. Das Skáldskaparmál, die Erzählung, die der Gott Bragi beim Gastmahl Ægirs vorträgt, setzt genau dort an, mit der Tochter und nicht mit den Folgen der Tat. Sie kommt nicht, um zu trauern.
En Skaði dóttir Þjaza jötuns, tók hjálm ok brynju ok öll hervápn ok ferr til Ásgarðs at hefna föður síns. En æsir buðu henni sætt ok yfirbætr ok it fyrsta, at hon skal kjósa sér mann af ásum ok kjósa at fótum ok sjá ekki fleira af. Þá sá hon eins manns fætr forkunnarfagra ok mælti: “Þenna kýs ek. Fátt mun ljótt á Baldri.” En þat var Njörðr ór Nóatúnum. Þat hafði hon ok í sættargerð sinni, at æsir skyldu þat gera, er hon hugði, at þeir skyldu eigi mega, at hlægja hana. Þá gerði Loki þat, at hann batt um skegg geitar nökkurrar ok öðrum enda um hreðjar sér, ok létu þau ýmsi eftir ok skrækði hvárt tveggja hátt. Þá lét Loki fallast í kné Skaða, ok þá hló hon. Var þá ger sætt af ásanna hendi við hana
„Da nahm Skaði, die Tochter des Riesen Þjazi, Helm und Brünne und alle Kriegswaffen und zog nach Ásgard, um ihren Vater zu rächen. Die Asen jedoch boten ihr Aussöhnung und Buße an: Der erste Artikel war, dass sie sich selbst einen Mann unter den Asen wählen dürfe, und zwar nur nach den Füßen, ohne mehr von ihm zu sehen. Da sah sie die Füße eines Mannes, überaus schön, und sprach: ‚Diesen wähle ich: An Balder kann wenig hässlich sein.’ Aber das war Njörðr aus Nóatún. Sie hatte in ihrem Aussöhnungsvertrag auch die Bedingung, dass die Asen etwas tun müssten, von dem sie glaubte, sie könnten es nicht: sie zum Lachen zu bringen. Da tat Loki dies: Er band eine Schnur an den Bart einer Ziege, das andere Ende um seine eigenen Genitalien, und beide gaben abwechselnd nach, und beide kreischten laut; da ließ sich Loki auf Skaðis Knie fallen, und sie lachte. Damit war die Aussöhnung von seiten der Asen vollzogen.” — Snorri Sturluson, Skáldskaparmál 3, engl. Übers. Brodeur
Rache erweist sich als verhandelbar. Die Asen bekämpfen sie nicht; sie bieten Bedingungen an, und die Bedingungen sind seltsamer, als es eine Schlacht gewesen wäre. Sie darf sich jeden Mann von ihnen aussuchen, unter der Bedingung, dass sie allein nach den Füßen urteilt und sonst nichts von ihm sieht. Ein sauberes, wohlgeformtes Paar liest sie als Zeichen der Jugend und ist überzeugt, Balder gewählt zu haben, den strahlendsten der Götter — und bekommt stattdessen Njörðr, den Herrscher des Meeres und, allem Anschein nach, keine naheliegende Partie für die Tochter eines Bergriesen. Ihre zweite Bedingung ist schlimmer: Die Asen müssen sie zum Lachen bringen, obwohl sie selbst schwört, dass nichts das schaffen könne. Loki ist derjenige, dem es gelingt, indem er sich mit der unwürdigsten vorstellbaren Schnur an eine Ziege bindet, bis das Zerren und Kreischen ihn, noch immer angebunden, auf Skaðis Schoß fallen lässt — und für genau die Zeit, die es braucht, den Handel zu besiegeln, wird der Hof der Götter zu einem Schauspiel.
Eine Riesentochter unter den Asinnen
Snorri stellt sie in eben jener Passage als Þjazis Tochter vor — von Geburt eine Riesin, aus demselben Geschlecht wie Loki, Angrboda und die Frostriesen, gegen die die Asen den Großteil ihrer Mythen austragen. Nichts in diesem Material nennt sie gýgr, Unholdin, wie es bei Angrboda der Fall ist; stattdessen nennt Snorri sie an anderer Stelle desselben Werks unverblümt unter den Asinnen, den Göttinnen im eigentlichen Sinn, beim zweiten Gastmahl Ægirs neben Frigg und Freyja sitzend.
Ein riesischer Vater verschließt der Tochter nicht die Gesellschaft, die die Asen halten, ebenso wenig wie Lokis Herkunft als Riese ihm ihre Halle verschließt. Was ihren Status entscheidet, ist nicht das Blut, sondern der Ort, an den die Geschichte sie am Ende stellt: hineingeheiratet und, wie sich zeigt, später wieder herausgeheiratet, behält Skaði den Rang einer Göttin, solange die Überlieferung besteht.
Ski-Göttin von Þrymheimr
Sobald die Ehe scheitert, sucht die Überlieferung sie genau dort: nicht zurück in die Halle eines Vaters, da Þjazi tot ist, sondern hinauf nach Þrymheimr, der Bergfeste, die einst ihm gehörte und nun ihr gehört. Snorris Gylfaginning, das von der anderen Seite dieselbe Scheidung abschließt, die das Skáldskaparmál als Vorgeschichte erzählt, gibt ihr dort eine dauerhafte Beschäftigung und ein Paar Beinamen dazu.
Þá fór Skaði upp á fjall ok byggði í Þrymheimi, ok ferr hon mjök á skíðum ok með boga ok skýtr dýr. Hon heitir öndurgoð eða öndurdís
„Da ging Skaði hinauf auf den Berg und wohnte in Þrymheim. Und sie geht die meiste Zeit auf Skiern und mit Bogen und Pfeil und erlegt Tiere; sie heißt Ski-Göttin oder Herrin der Skier” — Snorri Sturluson, Gylfaginning 23, engl. Übers. Brodeur
Skier, ein Bogen und eine Gewohnheit des Jagens statt des Sammelns: Das ist keine häusliche Coda zur Ehe, sondern eine Rückkehr zu dem Terrain, das sie schon in der ersten Zeile ihrer eigenen Geschichte angekündigt hat, als sie bewaffnet und bereit, für sich selbst zu sorgen, in Ásgarðr ankam. Die beiden Beinamen, die Snorri ihr hier gibt, sind die einzigen, die die Überlieferung ihr überhaupt zuschreibt — errungen, anders als Njörðrs beschauliche Hafenkulte, auf Skiern und mit dem Bogen in der Hand statt am Herd.
Eine Ehe, die die Berge nicht zuließen
Die Wahl nach den Füßen, in der Eröffnungsszene, ist der Anfang der Ehe, nicht ihre ganze Geschichte. Was Skaði als Ehemann bekommt, ist Njörðr — eine Verbindung, die der Vergleich selbst als Buße rahmt, nicht als Romanze, und die beiden merken fast sofort, dass keiner dort leben kann, wo der andere lebt. Snorri verzeichnet die Trennung ein zweites Mal, später im selben Skáldskaparmál, und erwähnt sie beiläufig als abgeschlossene Geschichte, nicht als Neuigkeit.
Worin beide Überlieferungen übereinstimmen, ist die Richtung des Scheiterns. Skaði ist es, die geht — die Berge behalten sie, das Meer nicht —, und jede spätere Erwähnung der Ehe in Snorris Werk behandelt das als das Ende, nicht als vorübergehenden Bruch.