Seth ist die Wüste, der Sturm und die Störung, die die Ordnung ebenso bedroht, wie sie sie paradoxerweise erhält. Eifersüchtig auf die Herrschaft seines Bruders Osiris, überlistet er ihn in einen exakt auf sein Maß gefertigten Sarg, verschließt ihn darin und zerstückelt — in der von Plutarch überlieferten ausführlicheren Fassung der Geschichte — den Leib später, um die Teile über ganz Ägypten zu verstreuen und so seine Rückkehr zu verhindern. Diese eine Tat macht ihn zum eindeutigsten Schurken der Mythologie, dem Mörder, dessen Neffe Horus sein Leben lang Rache übt.
Doch Seths Ansehen wandelt sich im Verlauf der ägyptischen Geschichte drastisch, und ihn auf einen simplen Teufel zu reduzieren verkennt das meiste davon. Im Alten und Mittleren Reich steht er neben Horus als rechtmäßiger Thronanwärter und als Beschützer Ras selbst: Jede Nacht steht er, den Speer in der Hand, am Bug der Barke des Sonnengottes und schlägt die Chaosschlange Apophis in die Flucht — die einzige Macht im Pantheon, die dieser Aufgabe gewachsen ist. Erst vom späteren Neuen Reich an — als Ägypten Invasionen aus dem Osten erlitt, die Seths fremdes, in der Wüste beheimatetes Wesen zu symbolisieren schien — verhärtet er sich zu einem offenen Feind der Götter, dessen Abbilder verstümmelt und dessen Name von den Monumenten getilgt wird. Er ist weniger ein Gott des Bösen als ein Gott notwendiger Gewalt, dessen moralische Stellung stark davon abhängt, aus welchem Jahrhundert Ägyptens seine Geschichte erzählt wird.