Der dritte Name des Buches
Das Kojiki beginnt mit einer Liste, und Kamimusubi ist der dritte Eintrag darauf. Noch ist nichts geschehen — kein Land, kein Meer, kein Gottheitenpaar, das eines von beiden machen könnte —, und die Chronik verwendet ihren ersten Satz darauf, drei Gottheiten zu nennen, die in der Ebene des Hohen Himmels entstehen, um im selben Atemzug zu melden, dass sie fort sind.
天地初發之時,於高天原成神名,天之御中主神。〈訓高下天云阿麻。下效此〉次高御産一作「座」巢日神,次神産巢日神。此三柱神者,並獨神成坐而隱身也
„…als Himmel und Erde begannen, waren es die Gottheit Herr-der-Erhabenen-Mitte-des-Himmels, sodann die Hoch-Erhabene-Erzeugende-Wunderbare Gottheit, sodann die Göttlich-Erzeugende-Wunderbare-Gottheit. Diese drei Gottheiten waren allesamt Gottheiten, die allein geboren wurden, und sie verbargen ihre Person.“ — Kojiki, Abschn. I, engl. Übers. Basil Hall Chamberlain (1882)
Zwei Wendungen in dieser Zeile entscheiden fast alles, was dieser Eintrag sagen darf. 獨神成坐 — sie entstanden allein, einzelne Gottheiten, ohne die Paarung von männlich und weiblich, die das Kojiki fast allem zuteilt, was nach ihnen kommt; die folgenden Geschlechter treten zu zweit auf, Bruder und Schwester, bis hin zu Izanagi und Izanami. Und 隱身, sie verbargen ihre Person. Die Chronik tötet sie nicht, verbannt sie nicht und setzt sie nirgendwohin. Sie hält fest, dass sie sich dem Blick entzogen, und fährt ohne sie fort; und den beiden unmittelbar danach genannten Gottheiten gibt sie dieselbe Wendung noch einmal, fast Wort für Wort.
Deshalb hat diese Seite keine Geschwister, keine Ehe und keine Geburt. Ame-no-minakanushi und Takamimusubi stehen im selben Satz, aber das Wort, das der Satz selbst für die drei gebraucht, ist 獨神, und sie zu Brüdern zu machen widerspräche der oben zitierten Zeile. Die beiden Anmerkungen innerhalb der Stelle gehören der Quellseite und nicht dem Mythos: 〈訓高下天云阿麻。下效此〉 weist an, das 天 nach 高 als ama zu lesen und dies auch weiter unten gelten zu lassen, und 一作「座」 hält fest, dass ein anderer Zeuge 座 schreibt, wo dieser 産 in Takamimusubis Namen schreibt.
Die Gottheit, die man anruft, wenn ein Gott tot ist
Okuninushis Seite gibt der nächsten Episode einen halben Satz. Das Kojiki gibt ihr einen ganzen, und dieser Satz ist die einzige Stelle des Buches, an der Kamimusubi um etwas gebeten wird und mit einer Tat antwortet.
Onamuji — Okuninushi, ehe er den größeren Namen trägt — hat achtzig Brüder, und die Brüder beschließen, ihn zu töten. Sie erhitzen einen Felsblock von der Größe eines Ebers, bis er glüht, rollen ihn den Berg Tema hinab und heißen ihn, ihn aufzufangen. Er fängt ihn auf, bleibt daran haften, verbrennt und stirbt.
尒其御祖命哭患而參上于天,請神産巢日之命時,乃遣 𧏛 一作「⿱刮虫」貝比賣与蛤貝比賣,令作活
„Da weinte und klagte Ihre Erhabenheit seine erhabene Erzeugerin, stieg zum Himmel hinauf und flehte Seine Göttlich-Erzeugende-Wunderbare-Erhabenheit an, der sogleich die Prinzessin Herzmuschel und die Prinzessin Venusmuschel sandte, um ihn ins Leben zurückzubringen.“ — Kojiki, Abschn. XXII, engl. Übers. Basil Hall Chamberlain (1882)
Jede Stufe davon ist einen Teilsatz lang, und keine wird ausgeführt. 哭患而參上于天 — die eigene Erzeugerin des toten Gottes weint, grämt sich und steigt zum Himmel hinauf. 請神産巢日之命 — und bittet. 乃遣…令作活 — daraufhin sendet die Gottheit und heißt sie, ihn lebendig zu machen. Kein Feilschen, keine Bedingung, kein Zögern und keine wiedergegebene Rede: die Chronik gibt Kamimusubi hier kein einziges Wort, nur ein Verb. Die beiden Entsandten sind 𧏛貝比賣 und 蛤貝比賣 — Kisagai-hime und Umugi-hime —, die Herzmuschel-Jungfrau und die Venusmuschel-Jungfrau, und was sie dann tun, ist häuslich statt göttlich: die eine zerreibt und röstet ihre Schale zu Pulver, die andere trägt Wasser herbei, und die Mischung wird dem verbrannten Gott aufgestrichen wie Muttermilch. Er steht als schöner Jüngling auf und geht davon.
Die Anmerkung innerhalb der zitierten Zeile, 一作「⿱刮虫」, ist die eigene Notiz der Quellseite, dass ein anderer Zeuge den Namen der Herzmuschel mit einem anderen Schriftzeichen schreibt — und das Zeichen, das sie anbietet, ist überhaupt keines. ⿱刮虫 ist ein Rezept dafür: 刮 über 虫 gesetzt, eine Gestalt, für die Unicode keinen Codepunkt hat. Sie bleibt hier aus demselben Grund stehen, aus dem Uke Mochis Seite ihr 一作「蚕」 behält: sie zu tilgen würde die beiden Göttinnen ihre Namen kosten, und ihre Namen sind die Tat.
Eine Anmerkung dazu, wo das Zitat endet. Der Satz läuft über 令作活 hinaus weiter, aber der zh.wikisource-Text von Buch I liest dann 蛤貝比賣持人 — Prinzessin Venusmuschel trug eine Person —, wo der Sinn und Chamberlain selbst 持水 verlangen, trug Wasser. Der Fehler steckt im rohen Wikitext der Seite und nicht in der Behandlung durch diesen Atlas; darum wird das Zitat davor abgeschnitten, statt den Text zu bessern.
令取茲成種 — das Korn wird genommen, nicht gemacht
Susanoo, aus dem Himmel geworfen, bittet die Nahrungsgottheit Ogetsu-hime um etwas zu essen. Sie bringt es aus Nase, Mund und Hintern hervor; er hält das für Unrat und erschlägt sie. Das Kojiki verwendet danach einen Satz auf ihren Leib und einen Teilsatz auf Kamimusubi, und der japanische Ackerbau beginnt im zweiten davon.
故所殺神於身生物者:於頭生蠶,於二目生稻種,於二耳生粟,於鼻生小豆,於陰生麥,於尻生大豆。故是,神産巢日御祖命令取茲成種
„So waren die Dinge, die im Leibe der getöteten Gottheit entstanden, [die folgenden]: in ihrem Kopf entstanden Seidenraupen, in ihren beiden Augen entstand Reissaat, in ihren beiden Ohren entstand Hirse, in ihrer Nase entstanden kleine Bohnen, in ihren Schamteilen entstand Gerste, in ihrem Hintern entstanden große Bohnen. So ließ Seine Erhabenheit der Gottheit-Erzeugende-Wunderbare-Ahn sie nehmen und als Saatgut verwenden.“ — Kojiki, Abschn. XVII, engl. Übers. Basil Hall Chamberlain (1882)
令取茲成種 ist ein Kausativ: ließ diese nehmen und zu Saat machen. Kamimusubi erschafft das Korn nicht, zieht es nicht und ist bei der Tötung nicht zugegen. Sechs Dinge liegen bereits in einem Leichnam; die Gottheit gibt einen einzigen Befehl darüber, was mit ihnen zu geschehen hat. Das ist dieselbe Gestalt wie die Wiederbelebung — eine Lage, eine Aussendung, dann nichts weiter — und es ist der ganze Anspruch dieses Eintrags auf den Ackerbau.
Der hier gebrauchte Titel ist 神産巢日御祖命, die Ahnen-Form, gegen das schlichte 神産巢日神 der Eröffnung. Chamberlains Anmerkung zu diesem Abschnitt stellt fest, dass der längere und der kürzere Titel eine Gottheit meinen, und dieser Atlas folgt ihm; der Fließtext des Kojiki sagt es nie selbst. Das Nihon Shoki erzählt eine Tötung, die dieser gleicht und es nicht ist: dort ist die erschlagene Nahrungsgottheit Uke Mochi, der Täter ist Tsukuyomi, und wer aufnimmt, was der Leib hervorgebracht hat, ist Amaterasu. Die beiden Ernten überschneiden sich nur zum Teil, und darum hält dieses Wiki sie als zwei Fassungen eines geteilten Motivs auseinander statt als eine zweimal aufgezeichnete Geschichte.
此者實我子也 — das Kind, das durch die Gabel meiner Hand glitt
Die eine Stelle, an der Kamimusubi spricht, handelt zunächst gar nicht von Kamimusubi. Okuninushi steht am erhabenen Kap Miho in Idzumo, als auf dem Wellenkamm eine winzige Gottheit in einem Boot aus einer Samenschote ankommt, gekleidet in ganz abgezogene Gänsehäute, und ihren Namen nicht nennen will. Eine Kröte spricht und verweist weiter. Verwiesen wird auf Kuebiko, die Vogelscheuche, die nicht gehen kann und alles unter dem Himmel weiß, und die Vogelscheuche liefert die Abstammung.
故大國主神坐出雲之御大之御前時,自波穗乘天之羅摩船而内剥鵝皮剥為衣服,有歸來神。尒雖問其名,不答。且雖問所從之諸神,皆白不知。尒多迩具久白言〈自多下四字以音〉 :「此者久延毗古必知之。」即召久延毗古問時,答白:「此者神産巢日神之御子,少名毗古那神。〈自毗下三字以音〉」故尒白上於神産巢日御祖命者,答告:「此者實我子也。於子之中,自我手俣久岐斯子也〈自久下三字以音〉。故与汝葦原色許男命,為兄弟而作堅其國
„Als nun die Gottheit Herr-des-Großen-Landes am erhabenen Kap Miho in Idzumo wohnte, kam auf dem Kamm der Wellen in einem Boot aus himmlischem Kagami eine Gottheit gefahren, gekleidet in Häute von Gänsen, die vollständig abgezogen waren; und als sie nach ihrem Namen gefragt wurde, antwortete sie nicht; auch die Gottheiten, die sie begleiteten, sagten auf Befragen alle, sie wüssten es nicht. Da sprach die Kröte: ‚Was dies betrifft, so wird der Zerbröckelnde Prinz es gewiss wissen.‘ Darauf ließ die Gottheit Herr-des-Großen-Landes den Zerbröckelnden Prinzen rufen und fragte ihn, und er antwortete und sprach: ‚Dies ist der Kleine-Prinz-die-Berühmte-Gottheit, das erhabene Kind der Gottheit-Erzeugenden-Wunderbaren-Gottheit.‘ Als sie dies ehrerbietig Seiner Erhabenheit dem Gottheit-Erzeugenden-Wunderbaren-Ahnen meldeten, antwortete er und sprach: ‚Dies ist wahrhaftig mein Kind. Unter meinen Kindern ist es das Kind, das zwischen der Gabel meiner Hand hindurchglitt. So werdet denn er und du Brüder und macht und festigt dieses Land.‘“ — Kojiki, Abschn. XXVII, engl. Übers. Basil Hall Chamberlain (1882)
Die Bestimmung bleibt bloße Behauptung, bis das Elternteil sie bestätigt, und die Bestätigung umfasst zwei Sätze: 此者實我子也, dies ist wahrhaftig mein Kind, und dann 自我手俣久岐斯子也, das Kind, das durch die Gabel meiner Hand glitt. Ein Elternteil, das ein Kind durch die Lücke zwischen den Fingern verlegt hat, es nicht vermisste und von einer Vogelscheuche erfährt, wohin es geraten ist.
Dann der Befehl, und es ist der eine Befehl, den Kamimusubi im Kojiki laut ausspricht: 故与汝葦原色許男命,為兄弟而作堅其國 — mit 葦原色許男命, was Okuninushi unter einem seiner anderen Namen ist, werdet Brüder und macht und festigt dieses Land. 為兄弟, werdet Brüder. Nicht dienen, nicht gehorchen, nicht folgen. Die Landwerdung, die Okuninushis Seite trägt, wird hier als Bund unter Gleichen gestiftet, von einer Gottheit, die daran dann keinen Anteil nimmt. Dies ist zugleich die einzige geerntete Stelle dieses Atlas, die Kamimusubi zweimal und unter zwei Titeln nennt: 神産巢日神 in der Antwort der Vogelscheuche und 神産巢日御祖命, als die Nachricht hinaufgetragen wird.
獨神 und 御祖 — ein Elternteil, das die Quellen nie geschlechtlich bestimmen
Chamberlains Englisch, aus dem die übersetzten Zeilen dieser Seite kommen, nennt Kamimusubi dreimal „His“ und einmal „he“. Das Japanische, das über jeder dieser Zeilen steht, tut weder das eine noch das andere, und dieser Abstand ist das Interessanteste an der Gottheit.
Das Kanbun gibt drei Titel, und keiner trägt ein Geschlecht: 神産巢日神 in der Eröffnung und in der Antwort der Vogelscheuche, 神産巢日之命 in der Bitte vom Berg Tema, 神産巢日御祖命 für die Saatnahme und für das Anerkennen des Kindes. 御祖 ist ein Vorfahr oder ein Elternteil, und 祖 allein ist ein Ahn. 獨神 sagt nur, dass die Gottheit ohne Partner entstand, in einem Buch, das seine übrigen Gottheiten männlich und weiblich paart und dazusagt, welche welche ist. 此者實我子也 sagt „mein Kind“ und hört dort auf.
Chamberlain, der 1882 übersetzte, machte die Gottheit durchweg männlich, weil das Englische ihm keinen dritten Weg ließ, sobald er sich auf ein Pronomen festgelegt hatte. Sichtbar wird die Entscheidung dadurch, dass er innerhalb des einen Satzes von Abschn. XXII dasselbe Morphem in beide Richtungen liest: aus Onamujis eigenem 其御祖命 wird „Ihre Erhabenheit seine erhabene Erzeugerin“, weiblich, und seine Anmerkung zu dem Wort sagt, 祖 bedeute eigentlich einen Großelternteil, werde in altjapanischen Schriften aber häufig für eine Mutter gebraucht. Ein 祖 männlich und ein 祖 weiblich, zwei Wörter voneinander entfernt, allein aus dem Zusammenhang entschieden.
Das Nihon Shoki entscheidet es ebenfalls nicht. Kamimusubi kommt dort ein einziges Mal vor, als 神皇產靈尊 in einer abweichenden Liste der Gottheiten der Ebene des Hohen Himmels, mit einer Ausspracheglosse daneben und ohne ein Verb in der Nähe. Nichts in den ersten beiden Büchern zeigt die Gottheit irgendetwas tun.
Darum gibt dieser Eintrag Kamimusubi in keiner seiner sechs Sprachen ein Geschlecht und schreibt „die Gottheit“, wo das Englische ein Pronomen will. Das Wiki ist darin nicht durchgängig folgerichtig, und die Unstimmigkeit ist es wert, ausgesprochen statt geglättet zu werden: Sukunabikonas Seite trägt ein Vaterfeld, das hierher zeigt, und das Kinderfeld dieser Seite ist dessen Gegenstück. Beide folgen dem Übersetzer. Die Chronik, die sie übersetzen, sagt nur, dass die Gottheit Kinder hatte und dass eines davon durch die Gabel einer Hand glitt.